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Die Rückkehr der Verbalathleten
Die Lyrik steigt vor sich hin murmelnd in den Ring, die Epik steht bereits in ihrer Ecke und macht ein paar letzte Stimmübungen. Endlich eröffnet der Gong den Kampf! Die zum Zerreißen gespannten Nerven der Athleten machen einen letzten kleinen Hüpfer - dann wandelt sich Nervosität in Konzentration. Alle Lichter (außer der Notbeleuchtung natürlich) gehen aus. Ein einzelner, heller Spot erleuchtet das Geschehen im Ring. Das Gemurmel in den Zuschauerrängen erlischt, es wird mucksmäuschenstill. Für die Zuschauer ist die Spannung kaum noch auszuhalten: Es geht um Alles oder Nichts, um Ehre und Elysium - es geht… um den Sieg im Poetry Slam!
Beide Verbalathleten umtänzeln einander. Jeder von Ihnen hat sich mit meisterhafter Rhetorik durch alle Instanzen bis hierher gekämpft: in den Olymp der Dichter, in die heiligen Hallen der verbalen Virtuosen! Keiner der beiden gibt sich eine Blöße. Da! Die Epik macht einen beherzten Sprung nach vorn und fängt mit einem glockenklaren Schwinger an zu rezitieren. Sie setzt Schlag auf Schlag auf ihre Gegnerin, die dadurch nicht zum Zuge kommt! Jetzt aber duckt sich sie sich geschickt nach unten weg und kontert mit einer Kaskade lässiger Aufwärtshaken. Jetzt ist SIE an der Reihe, durchbricht immer wieder die epische Deckung und landet einige Wirkungstreffer!! Die Epik steckt die Treffer jedoch ziemlich unbeeindruckt weg und serviert der Lyrik in einer kurzen Atempause eine rechte Gerade, die sich gewaschen hat! Ja, da hat die Lyrik nicht aufgepasst und sich etwas zu lange im Glanz ihrer wortgewaltigen Kontersalve gesonnt! Sie wankt ein wenig, ringt nach Worten, fängt an zu stottern – der Ringrichter seinerseits fängt an zu zählen! Die Arena kocht, Zuschauer brüllen Anfeuerungen in die Kampfzone. Die Groupies der Lyrik fallen aus Verzweiflung in Ohnmacht, die der Epik aus Verzückung. Der Gong beendet die erste Runde.
Die Sekundanten wedeln ihren Kämpferinnen mit Handtüchern Luft zu, massieren ihnen die Kehlen, lassen sie mit Ingwertee gurgeln, halten ihnen soufflierenderweise Textpassagen unter die Nasen und basteln an der Kampfstrategie. Die zweite Runde endet mit einem ausgeglichenen Unentschieden. Dann läutet die Glocke die dritte und alles entscheidende Runde ein. Die Lyrik eröffnet unmittelbar nach dem Ertönen des Gongs mit einem verbalen Schlag unter die Gürtellinie, worauf ihr der Ringrichter eine Verwarnung erteilt und die Epik völlig aus dem Zusammenhang heraus mit einem harten linken Haken antwortet. Die Lyrik schwankt wie ein Baum im Wind, der Unparteiische fängt erneut an zu zählen. Jetzt fängt sie sich wieder, schiebt den Ringrichter heroisch auf die Seite und umtänzelt die Epik leichtfüßig, während sie ein Stakkato an rhythmischer Rapp-Poesie auf ihre Gegnerin niederprasseln lässt. Diese hält den Angriffen jedoch einigermaßen stand und serviert ihrer Kontrahentin schließlich einen saftigen Aufwärtshaken. Im allerletzten Augenblick weicht die Lyrik dem Schlag jedoch aus und schickt die Epik in einer dramaturgischen Pause mit einer genial ausbalancierten, wortgewaltigen Geraden auf die Matte.
Die Fans jubeln und weinen - ergriffen vom Tiefgang des Schlagabtausches – Lyrik und Epik liegen sich in den Armen und gratulieren sich gegenseitig zu ihrem verbalen Genie, und vor der Arena sind bereits die ersten Akkorde des Abschluss-Festivals zu hören.
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